2/12/2008

Eine Annäherung

Schon die Spitze des `Pataphysik-Eisberges hat gereicht um mich zu begeistern. Mein Studium führte mich mittlerweile naturgemäß ein wenig tiefer in die pataphysische Welt, oder besser gesagt, in die durch die `Pataphysik betrachtete Welt, da die gesamte Welt grundsätzlich schon pataphysisch ist.

Um die Pataphysiker besser zu verstehen hilft es zu wissen wie sie sich organisieren. Das Collége de `Pataphysique unterliegt einer strengen Hierarchie die so überspitzt wohl durchaus eine Parodie auf Geheimbund, Armee und Politik ist. Oberster Kurator des Collége de `Pataphysique ist der unabsetzbare Dr. Faustroll, eine literarische Figur aus dem Roman von Alfred Jarry "Heldentaten und Ansichten des Dr. Faustrolls. Pataphysiker". Der Vizekurator, und somit der Botschafter Doktor Faustrolls wird von einem Mitglied bestimmt (das war mal Raymond Queneau), das wiederum von einem Gremium, bestehend aus vier Mitgliedern (darunter war mal Boris Vian), bestimmt wird. Diese vier Mitglieder werden davor erst von der kompletten Mitgliedschaft gewählt. Der aktuelle Vizekurator (der mittlerweile vierte in der Geschichte des Colléges) ist ein Krokodil, seine Magnifizenz Vizekurator Lutembi.

Das Collége hat 1949 auch einen eigenen immerwährenden Kalender rausgebracht. Dieser besitzt 13 Monate. Jede Woche hat 7, jedes Monat insgesamt 28+1 Tage, wobei die jeweils 1.,8.,15., und 22. Tage eines Monats Sonntage sind und jeder 13. ein Freitag ist. Jeder 29. (der Tag 28+1) wird "Hunyadi" genannt und ist ein imaginärer Tag der ausschliesslich in der Vorstellung existiert.

Das Collége publiziert unzählige Schriften mit den bereits erwähnten "Gedankenspielen", die per pataphysischer Definition jedoch keinem Zweck dienen sollen. So hat Raymond Queneau in einem dieser Artikel die "Aerodynamik der Addition" untersucht und belegt daß 2+2 durchaus 5 macht.

Weiters hat das Collége de Pataphysik unzählige Kommissionen, Unterkommissionen denen wiederum weitere Unterkommissionen unterstehen. Diese beherbergen die "Werkstätten des Potentiellen". Darunter gibt es eine Werkstätte der potentiellen Literatur ("oulipo"), eine Werkstätte der potentiellen Kriminal- und Detektivgeschichte ("oulipopo") in der alle Möglichen und Unmöglichen Situationen, Mechanismen und Kombinationen untersucht werden (wie bei Cluedo...), eine Werkstätte der potentiellen Malerei ("oupeinpo"), eine Werkstätte der potentiellen Küche ("oucuipo"), eine der potentiellen Tragikomödie ("outrapo"), eine der potentiellen Comicstrips ("oubapo"), eine für potentielle Historie ("ouhispo"), die sich einigen Mechanismen der potentiellen Literatur bedient, eine Werkstätte der potentiellen Photographie ("ouphopo"), eine für potentielle Musik ("oumupo"), weiters gibt es potentielle Kartographie, Politik, Kino (da hab ich vermutlich bald nen Link dazu), Mathematik, etc.

Alle "Ergebnise" wurden in der "grünen Kerze" ("Viridis Candela"), so nennt sich die Zeitung der Pataphysiker, publiziert, die natürlich damit der neue heilige Gral ist, dem gefälligst hinterhergejagt werden muß. Allerdings ist es sogar schon schwierig an "Dr. Faustroll" ranzukommen, weshalb man vermutlich auf die mittlerweile 60 Jahre alten Publikationen des Collége, die unzählige geheime Kniffe und Bücher in Bücher, versteckte MC-Kassetten, etc beinhalten, noch weniger Zugriff haben wird.

möge die grüne Kerze ewig brennen.